Die Bundeshauptstadt Bonn

Palais Schaumburg

1949 herrschte hektische Aufbruchsstimmung in Bonn. Vier Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde die Pädagogische Akademie zu Bonn zum Parlamentsgebäude für den künftigen Deutschen Bundestag umgebaut. Denn wenn es nach Konrad Adenauer ging, sollte Bonn neuer Regierungssitz werden. Damit der Deutsche Bundestag rechtzeitig fertig gestellt werden konnte, wurde sogar auch darüber hinweggesehen, dass die Baugenehmigung bis zum Richtfest fehlte. Sowohl baulich als auch politisch war der Bau nicht vom Risiko befreit: Ob Bonn tatsächlich der Gründungsort der Republik werden würde, wusste man zu dem Zeitpunkt noch nicht. Der Präsident des Parlamentarischen Rates, Konrad Adenauer, der mit dem Rat seit dem 1. September 1948 offiziell in Bonn tagte, soll den Krach des Umbaus jedoch genossen haben, schließlich stand er gleichsam für den Aufstieg dieser Stadt.

Die Frage der Hauptstadt blieb nach dem Krieg lange ungeklärt. Da Berlin durch die Teilung der Sowjetunion keine Option mehr war, kam plötzlich jede Stadt der westlichen Hälfte Deutschlands in Frage. Auch die Option, gar keine Hauptstadt festzulegen, stand im Raum, um den provisorischen Charakter dieser Bundesregierung deutlich zu machen. Schließlich kristallisierten sich Frankfurt, Kassel und Bonn als Anwärter heraus. Die 1949 gegründete Bundessitz-Kommission sollte die drei Kandidaten bewerten. Kassel profilierte sich mit seiner zentralen Lage, aber der Krieg hatte der Stadt schwer zugesetzt und es herrschte bedrückende Wohnungsnot. Neben Bonn stand nun nur noch die Wirtschaftsmetropole Frankfurt zur Diskussion.

Bonn lag weder im Zentrum, noch war es ein wichtiger wirtschaftlicher Standort. Die Universitätsstadt mit kurfürstlicher Vergangenheit schien Adenauer jedoch nicht zuletzt durch die Nähe zu den Westalliierten der perfekte Standort für das Vorhaben zu sein. Beide Städte hatte eine rege Politik-Lobby, Frankfurt war zudem die Hochburg der US-Militärverwaltung. Frankfurts großer Vorteil jedoch war die ausgebaute und fortschrittliche Infrastruktur. Im Vergleich zur Hessener Großstadt sah Bonn etwas provinziell aus. Auch politisch war die Frage nach der neuen Hauptstadt eine Grundsatzentscheidung. Wurde Frankfurt von der SPD unterstützt, so hatte Bonn die Union hinter sich stehen. Die SPD war sich des Sieges sicher, vor allem nachdem eine geheime Probeabstimmung zu Gunsten Frankfurts ausging. Die Dankesrede hatte der Oberbürgermeister schon aufnehmen lassen.

Nachdem der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher sich in einer Vorstandssitzung jedoch über eine „sichere Niederlage“ der Konservativen gefreut hatte, drang diese Information über einen Journalisten zu Adenauer, der prompt seine Abgeordneten ins Bild setzte. Die Empörung war groß. Kurz vor der Abstimmung fielen viele Unterstützer Frankfurts weg. So ging das Hauptstadtvotum mit 33 zu 29 Stimmen für Bonn aus. Eine Sensation für die Stadt!

Nachdem eine Wahlbeeinflussung im Raum stand, setzten die Anhänger Frankfurts eine Entscheidung durch den Bundestag selbst durch. Doch auch bei der Abstimmung am 3. November 1949 verlor die hessische Großstadt gegen die Universitätsstadt am Rhein. Und wieder lag Korruption in der Luft: Rund hundert Abgeordnete verschiedener Fraktionen sollen damals für insgesamt zwei Millionen Mark gekauft worden sein, damit Bonn als Sieger der Wahl hervorgeht. Trotz eines Untersuchungsausschusses konnte der Bestechungsvorwurfs nie aufgeklärt werden.

So wurde Bonn Regierungssitz der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland und blieb es länger als gedacht. Schlussendlich zog die Regierung erst 1999, zehn Jahre nach dem Mauerfall, in die heutige Hauptstadt Berlin um. Geblieben ist die „Bundesstadt Bonn“, eine kleine Metropole, die Adenauer ambitioniert zum Startpunkt unserer heutigen Republik formte.

Regierung in Bonn heute

Einige Ministerien haben sogar noch heute ihren Hauptsitz in Bonn. Dazu gehören das Bundesministerium der Verteidigung, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (das heute im ehemaligen Bundeskanzleramt sitzt), das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, das Bundesministerium für Gesundheit sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Nicht zuletzt wegen seiner politischen Vergangenheit ist Bonn immer einen Ausflug wert. Unweit es des Neuen Kanzlerplatzes, direkt an der Adenauerallee befindet sich das ehemalige Regierungsviertel mit der Villa Hammerschmidt, dem heutigen Amtssitz des Bundespräsidenten und dem Palais Schaumburg, ehemals Bundeskanzleramt und nun Bonner Dienstsitz der Kanzlerin. Wer einen umfangreichen Blick auf die deutsche Geschichte nach 1945 erhalten möchte, der ist im Haus der Geschichte auf Bonns Museumsmeile, ebenfalls nur wenige Gehminuten vom Neuen Kanzlerplatz entfernt, genau richtig. Das Museum bietet zudem Führungen durch den Kanzlerbungalow und den ehemaligen Bundesrat am Rheinufer.